„Mein Finger glitt ab und drückte auf einen Namen, den ich nie hätte anrufen wollen. “
Es war 0:47 Uhr an einem regnerischen Dienstagabend in Berlin, als Janas Welt endgültig zerbrach. Hinter ihrer Wohnungstür hallten Faustschläge durch das Treppenhaus – dumpf, bedrohlich, unaufhaltsam. Mark war wieder da.

Drei Jahre war er ihr Freund gewesen, drei Jahre ihr Wächter, ihr Gefängnis. In ihrer Panik wischte sie durch ihre Kontakte, doch ihr Finger verfehlte das Ziel und wählte die Nummer von Adrian Schwarzholz – dem CEO ihres Unternehmens. Er nahm sofort ab. „Jana, warum rufen Sie mich um diese Uhrzeit an?
“
Sie flüsterte, die Stimme brüchig: „Er steht vor meiner Tür. Mein Ex, er geht nicht weg. Ich weiß nicht, was ich tun soll. “
Im zwanzigsten Stock sprang Adrian abrupt auf.
Diese Frau, die ihm jeden Morgen wortlos den Kaffee brachte, die Berichte fehlerfrei vorbereitete, die sich durch sein Unternehmen bewegte wie ein Flüstern – sie klang zerbrochen. „Bleiben Sie, wo Sie sind“, sagte er fest. „Ich rufe den Sicherheitsdienst. Bleiben Sie in der Leitung.
“
Hinter der Tür wechselte Marks Stimme in eine beängstigende Ruhe. „Du kannst dich nicht ewig vor mir verstecken, Jana. “
Doch Adrian schnitt durch ihre Panik wie ein Rettungsseil: „Sie verstecken sich nicht mehr. Ich bin unterwegs.
“
Was Jana nicht wusste: Adrian hatte sie seit Monaten bemerkt. Vor drei Wochen hatte sie ihm einen Finanzbericht mit einem gelben Zettel abgegeben – ein Hinweis auf vertauschte Zahlen, der dem Unternehmen 3 Millionen Euro erspart hatte. Er hatte in der Personalabteilung nachgefragt und nur gehört: „Ach, nur eine Assistentin. “
Aber Adrian wusste es besser.
Dieses stille Mädchen war nie unsichtbar gewesen – sie war in die Schatten gedrängt worden von jemandem, der ihr Licht fürchtete. Sechs Monate zuvor war Jana bei Schwarzholz Capital angefangen. Kopieren, Termine vorbereiten, Kaffee bringen. Der 67-jährige Sicherheitsmann Walter Brand hatte bemerkt, wie sie sich bewegte – leise, vorsichtig, als hätte sie gelernt, sich klein zu machen.
Als Walter Brand und Polizeihauptmeisterin Chen Minuten später eintrafen, hörten sie Marks Stimme durch die Tür: „Wir müssen reden. “
Sie drangen vor, doch Mark war verschwunden – wie so oft. Er ließ immer nur Drohungen zurück, nie Beweise. Zwanzig Minuten nach ihrem Anruf stand Adrian vor ihrer Tür.
Er sah die Kratzspuren am Rahmen, die Fußabdrücke im Flur. „Sie kommen diese Nacht nicht hier raus“, sagte er ruhig. „Ich bringe Sie an einen sicheren Ort. “
Jana starrte ihn an.
Dieser Mann, der für sie ein Fremder gewesen war, wurde in einer einzigen Nacht zu ihrem Beschützer. In ihrer neuen, gesicherten Wohnung saß sie Stunden später neben Walter Brand und sah die Nachrichten. Eine Fahndung nach Mark war eingeleitet. Walter Brand kam in den folgenden Wochen oft vorbei, brachte Kaffee, blieb eine Weile.
Er sagte einmal: „Sie haben mehr Mut, als Sie glauben, Jana. “
Und tief in ihr begann etwas zu keimen – nicht nur Angst, sondern auch der erste Funke Wut.


