Ihr Herz pochte wild, als hätte es die schlechte Nachricht längst geahnt, die in dem Brief verborgen lag. Es war nur eine kurze Nachricht von Markus, aber ihre Worte trafen wie ein Schlag ins Gesicht. Er schrieb, dass sie nichts mehr zu sagen hätten, dass sie nicht mehr auf seinem Niveau sei und nicht in seine Welt passe. Sie erinnerte sich an die schweren Zeiten, als Markus noch Jura studierte und sie sich ein einziges Sandwich teilten, weil er sein ganzes Geld für Lehrbücher ausgab.

Sie wollte ihm gerade schreiben, dass sie den Vorschuss für die Wohnung zurückzahlen würde, als das Telefon klingelte. Seine Stimme war eisig, als er drohte, ihr keinen einzigen Euro zu lassen, falls sie eine Vermögensaufteilung fordern oder die Scheidung erschweren würde. Er würde dafür sorgen, dass sie nie wieder den Kopf erheben könne. Sie ließ das Telefon sinken, Tränen brannten in ihren Augen, aber sie weigerte sich zu weinen.
Sie würde sich nicht länger von ihm niedertrampeln lassen. Er mochte sein Geld behalten, aber ihre Ehre würde er nicht zerstören. Mit zitternden Händen schrieb sie eine Nachricht an niemanden, nur an den Himmel. Sie flehte um ein Zeichen, um die Kraft, diesen Tag zu überstehen.
Kurz darauf kam der Bus um die Ecke, qualmend und überfüllt. Sie stieg ein und suchte sich einen Platz, als ein alter Mann mühsam versuchte, die Stufen hinaufzukommen. Keiner der anderen Fahrgäste bewegte sich. Nur sie sprang auf und half ihm, sich festzuhalten.
Der junge Mann im Sitzplatz vor ihnen starrte weiter auf sein Handy, völlig ungerührt. Sie wusste nicht, warum, aber sie half dem Fremden, sich zu setzen, und blieb neben ihm stehen. Er bedankte sich überschwänglich und begann ein Gespräch. Sie wollte eigentlich nicht reden, aber etwas an seiner ruhigen Art öffnete sie.
Sie erzählte ihm, dass sie heute zum ersten Termin der Scheidung gehe. Er hörte zu, ohne zu urteilen, und sagte schließlich leise: „Weine nicht um jemanden, der dich nicht schätzt. “
Am Gerichtsgebäude angekommen, wollte sie sich von ihm verabschieden, aber er bestand darauf, mitzukommen. „Genau deshalb will ich bleiben“, sagte er und lächelte.
Sie fand es seltsam, aber sie war zu erschöpft, um zu widersprechen. Als Markus sie sah, lachte er höhnisch und fragte, ob sie sich einen neuen Liebhaber aus dem Bus geholt habe. Er schob ihr ein Papier über den Tisch: 3. 000 Euro als Abfindung, mehr nicht.
Sie wollte gerade antworten, als der alte Mann aus dem Bus vortrat und mit fester Stimme sagte, dass er sich wundere, wie ein Anwalt so wenig Anstand besitze. Markus lachte nur, bis er den Namen des alten Mannes hörte: Arthur Riedel. Er war der berühmteste Jurist des Landes, der Autor des Buches, das Markus in jedem Argument zitierte. Sein Gesicht wurde aschfahl.
Der Richter erkannte Riedel und verbeugte sich tief. Markus stammelte Entschuldigungen, aber Riedel wandte sich an Valerie und sagte: „Komm, wir gehen hinein. Fürchte dich nicht. “ Im Gerichtssaal nahm Riedel Platz und flüsterte den Richtern etwas zu.
Dann erhob er sich und erklärte, dass er Zeuge der heutigen Verhandlung sei. Markus versuchte zu widersprechen, aber die Richter hörten auf Riedel. Als der Richter Markus fragte, ob er wirklich behaupte, Valerie sei nicht auf seinem Niveau, zögerte Markus. Wenn er mit Ja antwortete, würde er in Riedels Augen für immer als verachtenswert dastehen.
Er schluckte und sagte: „Nein, das ist nicht der Grund. Ich will die Scheidung, weil ich nicht mehr mit ihrem Niveau mithalten kann. “
Ein Raunen ging durch den Saal. Der Richter nickte und verkündete das Urteil: Markus verzichtete auf alle Ansprüche und musste die Kosten tragen.
Valerie stand da, als hätte man ihr einen Stein von den Schultern genommen. Vor dem Gericht, als der Bus sie nach Hause brachte, drehte sich Riedel zu ihr um und sagte lächelnd: „Gott hat das Drehbuch geschrieben, damit ich dir heute helfen konnte. Wenn du jemals Hilfe brauchst, ruf mich an. “ Sie lächelte zum ersten Mal an diesem Tag und stieg aus.
Das Leben war wirklich voller Überraschungen – und sie hatte gelernt, dass jedes gute Werk, so klein es auch war, eines Tages zurückkehrt.


