Berlin, 29. April 1945 – In den katakombenartigen Gängen des Führerbunkers, acht Meter unter dem zerbombten Garten der Reichskanzlei, vollzieht sich ein makabres Schauspiel. Während die Rote Armee nur noch wenige hundert Meter entfernt steht und die Artilleriegeschosse unaufhörlich die Decke erzittern lassen, reicht Adolf Hitler seiner langjährigen Geliebten Eva Braun das Ja-Wort.
Der Trauzeuge dieses Zerrbildes einer Hochzeit ist kein anderer als Martin Bormann, der Mann, der im Schatten des Diktators zur grauen Eminenz des Dritten Reiches aufgestiegen ist. Es ist der letzte Akt einer Karriere, die geprägt ist von Skrupellosigkeit, Intrigen und einer beispiellosen Machtfülle, die Bormann hinter den Kulissen ausgeübt hat.
Nur einen Tag später, am 30. April, ist das Grauen im Bunker vollendet. Hitler und seine frisch angetraute Frau entziehen sich der Verantwortung durch Suizid.
Bormann, der treue Vollstrecker, lässt die Leichen seinen Anweisungen gemäß im Hof der Reichskanzlei verbrennen. Es ist der Moment, in dem der Privatsekretär zur Schlüsselfigur eines der größten Rätsel der Nachkriegszeit wird. Mit Hitlers Testament in der Hand, das er an den neuen Reichspräsidenten Karl Dönitz nach Flensburg bringen soll, verschwindet Bormann im Chaos der zusammenbrechenden Hauptstadt.
Von diesem Augenblick an beginnt eine der intensivsten Menschenjagden der Geschichte, denn für die Alliierten und die deutsche Justiz ist klar: Der meistgesuchte Kriegsverbrecher ist nicht tot, er ist untergetaucht.
Die Staatsanwaltschaft geht fest davon aus, dass er das Kriegsende überlebt hat. Wir suchen ihn außerhalb Europas nachdrücklich, erklärten die Ermittler jahrelang. Immer wieder geistern Gerüchte durch die Weltpresse: Bormann sei in São Paulo gesehen worden, in den Anden Österreichs oder gar in Ägypten, wo er angeblich Kontakt zu ehemaligen SS-Kameraden aufgenommen haben soll.
Klingt abwegig, aber es könnte was dran sein, hieß es in Geheimdienstkreisen, während CIA, Mossad und KGB gleichzeitig alle Hebel in Bewegung setzten, um den Flüchtigen aufzuspüren. Doch die Wahrheit, die erst Jahrzehnte später ans Licht kommt, ist eine andere: Bormann, der Mann, der über Leben und Tod entschied, war seinem Idol in den Tod gefolgt.
Doch wer war dieser Martin Bormann wirklich, dessen Name zum Synonym für die unsichtbare Macht im Nationalsozialismus wurde? Seine Kindheit in Weimar am Ende der Kaiserzeit ist geprägt von Hass und Gewalt. Aufgewachsen im Haus eines strengen Stiefvaters, der ihn und seinen jüngeren Bruder Albert regelmäßig züchtigte, entwickelt der junge Bormann einen tiefsitzenden Groll gegen Autoritäten, die nicht Hitler heißen.
Mit 15 Jahren reißt er von zu Hause aus, um sich im Ersten Weltkrieg zu beweisen, doch der Einsatz an der Front bleibt ihm verwehrt. Die deutsche Niederlage 1918 ist ein Schock, der ihn in die Arme der Freikorps treibt, jener völkischen Kampfverbände, die in der jungen Republik Jagd auf Kommunisten und Juden machen.
Im Freikorps Rossbach zeigt Bormann erstmals sein wahres Gesicht. Als ein Kamerad namens Walter Kadow beschuldigt wird, Gelder unterschlagen und kommunistische Kontakte zu haben, organisiert Bormann ein mörderisches Tribunal. Kadow wird betrunken gemacht, brutal zusammengeschlagen und schließlich von Rudolf Höß, dem späteren Kommandanten von Auschwitz, mit einem finalen Schlag getötet.
Bormann muss für seine Rolle als Anstifter ein Jahr ins Gefängnis, doch die Nazis verleihen ihm später dafür den Blutorden. Im Kerker schreibt er hasserfüllte Verse über das Leid Deutschlands und die Schmach des Versailler Vertrags, ein Fanatiker, der nur auf seine Entlassung wartet, um seine Karriere im Dienst der Bewegung fortzusetzen.
1924 wird Bormann freigelassen, im selben Jahr wie Adolf Hitler, der nach seinem gescheiterten Putschversuch aus der Haft kommt. Die NSDAP wird neu gegründet, und Bormann schließt sich dem Frontbann an, einer Ersatzorganisation für die verbotene SA. Bereits 1927 tritt er der Partei bei und wird schnell zum Gaugeschäftsführer von Thüringen.
Sein Aufstieg wird durch eine strategische Heirat beschleunigt: 1929 heiratet er Gerda Buch, die Tochter von Walter Buch, einem der obersten Parteirichter und engen Vertrauten Hitlers. Die Trauzeugen sind Hitler selbst und sein Privatsekretär Rudolf Hess. Die Ehe ist von Anfang an eine politische Kampfgemeinschaft, wie Historiker betonen, eine Verbindung, die Bormann den Zugang zu den innersten Zirkeln der Macht ebnet.
In den frühen 1930er Jahren arbeitet sich Bormann als Leiter der Hilfskasse der NSDAP hoch, einem Versicherungsunternehmen für verletzte SA-Männer und Plakatkleber. Doch die Zahlen sind beeindruckend: Bereits 1932 verwaltet er acht Millionen Reichsmark, ein exorbitantes Budget für die Partei. Geld und Macht beginnen sich zu vereinen.
Bormann ist detailversessen, arbeitswütig und ohne jede formale Ausbildung. Er hat keinen Schulabschluss, ist mit 15 von zu Hause weggelaufen, und niemand weiß genau, woher er seine Kompetenzen hat. Doch er entwickelt sich zum perfekten Organisator, der die Fäden im Hintergrund zieht, während andere die Reden schwingen.
Der 30. Januar 1933 markiert den Wendepunkt. Hitler wird Reichskanzler, und Bormann wird Stabsleiter von Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess.
Damit sitzt er an der Schaltzentrale der Partei, alle relevanten Vorgänge in Personal- und Finanzfragen laufen über seinen Schreibtisch. 1933 ruft er die Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft ins Leben, eine kaum verhohlene Aufforderung an Großindustrielle und Bankiers, für die Gunst des Führers zu zahlen. Hitler ernennt ihn zum persönlichen Finanzverwalter, und Bormann treibt die Tantiemen für Briefmarken, Postkarten und Buchverkäufe ein.
Am Ende seiner Karriere wird er zwölf Millionen Reichsmark für den Diktator angehäuft haben, das entspricht heute etwa 100 Millionen Euro.
Doch Bormanns Macht beschränkt sich nicht auf Finanzen. In den bayerischen Alpen entsteht unter seiner Aufsicht das Führersperrgebiet auf dem Obersalzberg, eine zweite Machtzentrale des Reiches. Bormann ist die Abrissbirne, die alte Bauernhöfe dem Erdboden gleichmacht, um Platz für Hitlers Berghof zu schaffen.
Mehr als 300 Familien werden vertrieben, oft mit brutalen Drohungen. Ein Landwirt, der sich weigert zu verkaufen, wird vor die Wahl gestellt: Unterschrift oder KZ für die ganze Familie. Die Bauarbeiter haben Angst vor dem Tyrannen, der mit einem Fingerschnippen Existenzen vernichten kann.
Die Baukosten verschlingen 30 Millionen Reichsmark, doch Bormann liefert pünktlich und wird zum unverzichtbaren Verwalter des Berghofs.
Im Umfeld Hitlers ist Bormann gefürchtet und verhasst. Er ist schmierig, brutal und piefig, wie Zeitgenossen berichten, ein Mafioso im grauen Anzug. Nur SS-Chef Heinrich Himmler versteht sich mit ihm, denn Bormann versorgt ihn mit Baumaterialien und 50.
000 Reichsmark für sein Ferienhaus. Auch Hitlers Geliebte Eva Braun kommt an Bormann nicht vorbei, er verwaltet ihr Taschengeld und prüft ihre Abrechnungen. Die Gauleiter und Reichsleiter meiden ihn, er hat praktisch keine Freunde.
Selbst das Verhältnis zu seinem Bruder Albert, der als Adjutant Hitlers ebenfalls Karriere macht, ist zerrüttet. Bormann versucht, den eigenen Bruder zu diskreditieren, weil dessen Frau Ungarin und damit nicht arisch genug ist. Die Brüder sprechen kaum miteinander, gehen sich aus dem Weg.
Privat lebt Bormann das Nazi-Ideal: Ehefrau Gerda bringt zehn Kinder zur Welt, die Jungen heißen Adolf, Rudolf und Heinrich nach ihren Taufpaten. Doch die Erziehung ist kalt und streng. Wenn die Kinder zu laut sind, schlägt Bormann sie mit einer Rute oder tritt ihnen auf die Füße.
Zu Hause ist er ein Tyrann, der seiner Frau Vorschriften macht, wie der Haushalt zu führen und die Kinder zu erziehen sind. Gleichzeitig ist er ein notorischer Schürzenjäger. Bei einem Flottentag in Wilhelmshaven wird er mit einer Dame im Bett erwischt, ein Vorfall, der beinahe seine Karriere beendet hätte.
Seine berühmteste Affäre ist die Schauspielerin Manja Behrens, der er Gedichtbände schickt und von der er schwärmt, er habe sich unglaublich in sie verliebt.
Gerda Bormann toleriert die Untreue ihres Mannes und schlägt sogar ein Rotationsprinzip vor: Eine Frau solle ein Kind bekommen, während die andere mobil bleibt. Die Korrespondenz zwischen den Eheleuten zeigt eine bizarre Mischung aus Zuneigung und ideologischer Verblendung. Bormann propagiert die sogenannte Volksnotehe, um nach den Verlusten des Krieges mehr Kinder zu zeugen.
Er selbst prahlt gegenüber U-Boot-Kommandant Erich Topp, dass sein Erbgut so gut sei, dass er es hätte vervielfachen müssen. Die Zahl seiner unehelichen Kinder ist bis heute unklar.
Im November 1938, nach den Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung, zeigt Bormann seine menschenverachtende Seite. Er schreibt an die Gauleiter, dass arbeitslose Juden nicht der öffentlichen Fürsorge zur Last fallen dürften, sondern zu Arbeitsleistungen herangezogen werden müssten. Historiker bezeichnen ihn als Notar der Vernichtung, der zwar keine direkten Befehle gibt, aber Hitlers Anweisungen weitergibt, Prozesse anregt und beschleunigt.
Sein Weg ist gepflastert mit Leichen, vom Gutshof in Mecklenburg bis zur Endphase des Dritten Reiches.
Der 10. Mai 1941 wird zum Schicksalstag für Bormanns Karriere. Rudolf Hess, sein Vorgesetzter, fliegt in geheimer Mission nach Schottland, um einen Separatfrieden auszuhandeln, und wird dort verhaftet.
Hitler ist außer sich, doch Bormann nutzt die Gelegenheit. Bereits zwei Tage später, am 12. Mai, unterzeichnet Hitler einen von Bormann selbst vorformulierten Erlass: Die Dienststelle des Stellvertreters wird zur Parteikanzlei, und Bormann übernimmt die Leitung.
Er gehört nun endgültig zum engsten Kreis. Den Gauleitern schreibt er, dass er den Führer ständig begleiten werde, um alle wichtigen Angelegenheiten der Partei direkt an ihn heranzutragen.
Von nun an ist Bormann fast ununterbrochen an Hitlers Seite. Er ist der Bewacher und Beschützer des Diktators, der den Zugang zu ihm kontrolliert. Wenn jemand eine Unterschrift braucht, sagt Bormann: Ich regle das für Sie, mein Führer.
Er nutzt seine Macht für radikale Vorstöße, etwa im Kampf gegen die Kirchen. Nationalsozialismus und Christentum seien unvereinbar, erklärt er, und drängt Parteigenossen zum Kirchenaustritt. Er will Kardinäle wie Clemens August Graf von Galen hängen lassen, doch Hitler bremst ihn: Man dürfe im Krieg keinen offenen Konflikt riskieren, die Abrechnung mit den Kirchen komme nach dem Sieg.
Der Krieg gegen die Sowjetunion ab Juni 1941 ist ein Vernichtungskrieg, und Bormann treibt ihn voran. In einem Aktenvermerk notiert er, dass die Krim von allen Fremden geräumt und deutsch besiedelt werden müsse. Der Partisanenkrieg hinter der Front gebe die Möglichkeit, auszurotten, was sich gegen uns stellt.
Die Wortwahl ist die eines Überzeugungstäters, der den Völkermord im Osten aktiv unterstützt. Er arbeitet dem Generalplan Ost zu, Himmlers gigantischem Siedlungs- und Massenmordprojekt, und bleibt damit am Puls der Vernichtungspolitik.
Nach der Kriegswende 1942 und den Niederlagen von Stalingrad bis El Alamein wird Bormanns Einfluss noch größer. Er propagiert die Volksnotehe, um den Blutsoll des Krieges auszugleichen. Am 20.
Juli 1944, nach dem Attentat von Oberst Stauffenberg auf Hitler, schlägt Bormann gnadenlos zurück. Er befiehlt den Gauleitern, alle Personen, die mit dem reaktionären Verbrechergesindel im Komplott stehen, sofort festzunehmen. Mehr als 7000 Menschen werden ermittelt, 170 Verschwörer hingerichtet.
Bormann lässt sich alle Berichte persönlich vorlegen und wird zum Vollstrecker von Hitlers Rache.
Im Herbst 1944 stehen die Alliierten an den Reichsgrenzen, die Rote Armee dringt nach Ostpreußen vor. Hitler flieht nach Berlin in den Führerbunker, während Bormann bis zuletzt in seinem Büro sitzt und Befehle erteilt. Am 2.
April 1945 droht er seinen Parteifunktionären: Gauleiter und Kreisleiter kämpfen in ihrem Gau, siegen oder fallen. Wer seinen Gau ohne Befehl verlässt, wird als Flüchtiger geächtet. Seine eigene Familie hat er bereits 1943 angewiesen, den Obersalzberg zu verlassen und nach Westen zu gehen.
Am 25. April 1945 wird der Berghof bombardiert, die Familie flieht nach Südtirol.
Im Bunker bereitet sich Hitler auf das Ende vor. Bormann diktiert das politische Testament, in dem Hitler Admiral Dönitz zum Reichspräsidenten ernennt. Am 30.
April begehen Hitler und Eva Braun Selbstmord, Bormann lässt die Leichen verbrennen. Am 1. Mai, notiert er in seinem Kalender: Ausbruch.
Er will mit den Testamenten zu Dönitz nach Flensburg durchbrechen, doch er kommt nie an. Am 8. Mai kapituliert Deutschland, und die Jagd auf Bormann beginnt.
In Nürnberg wird er in Abwesenheit zum Tode verurteilt, da die Beweise für seinen Tod nicht ausreichen. Jahrzehntelang suchen Geheimdienste und Justiz weltweit nach ihm. Doch 1972 werden in der Nähe des Lehrter Bahnhofs in Berlin zwei Leichen geborgen.
Eine DNA-Analyse bestätigt: Der Tote ist Martin Bormann. Er starb bereits am 1. Mai 1945 durch eine Zyankali-Kapsel, einen Tag nach seinem Idol, für das er über Leichen ging.


