„Ich bin kein Kind, Alexander”, sagte ich und lachte leise, während ich mich in seinen Armen umdrehte. „Und außerdem ist David ja da. ”
In dem Moment, als dieser Name über meine Lippen kam, spürte ich, wie sich seine Umarmung für einen winzigen Augenblick versteifte. Dann entspannte er sich wieder, und er lächelte mir mit diesem perfekten Lächeln zu, das ich so viele Jahre lang für echt gehalten hatte.

„Ah ja, David”, murmelte er. David war Alexanders jüngerer Bruder. Vor drei Monaten hatte Alexander ihn im Gästeflügel unseres Anwesens in Grünwald untergebracht. Angeblich, um ein Auge auf ihn zu haben, während David sein Studium fortsetzte.
Aber Davids Verhalten mir gegenüber war nie freundlich gewesen. Es war purer, unverhohlener Hass. Als wären meine Gedanken ein Stichwort gewesen, hallten schwere Schritte auf dem Flur wider. Davids hagere Gestalt erschien in der Tür.
Er starrte mich an – dieselben schwarzen Augen wie sein Bruder, aber ohne jede Spur von Wärme. „Guten Morgen, David”, sagte ich. „Das Frühstück ist unten fertig. ”
Er antwortete nicht.
Er sah nur Alexander an. „Ich nehme dein Auto, Bruder. Wo sind die Schlüssel? ”
„Nimm deinen eigenen Wagen”, erwiderte Alexander ruhig, aber ich hörte den scharfen Unterton.
„Ich habe ihn dir schließlich gekauft. ”
„Er ist leer. Ich habe kein Geld”, blaffte David. Ich wollte gerade anbieten, meine Karte zu benutzen, als sich Davids Blick endlich auf mich richtete.
Es war ein Blick voller Bosheit, der mich durchbohrte. Dann geschah etwas Seltsames. Alexanders Handy klingelte. Er warf einen Blick auf das Display und sagte, er müsse das Gespräch annehmen.
„Es geht um das Projekt in Singapur”, erklärte er und verschwand aus dem Raum. David blieb stehen. Er sah mir direkt in die Augen, und sein Lächeln war das eines Raubtiers. „Weißt du, Valerie”, sagte er langsam, „mein Bruder war noch nie gut darin, seine wahren Absichten zu verbergen.
”
„Was redest du da? ” Meine Stimme klang schärfer, als ich beabsichtigt hatte. „Nichts. Genieß einfach die nächsten fünf Tage.
” Er drehte sich um und ging. An diesem Abend war das Haus unheimlich still. Alexander war mit seinem Projekt beschäftigt gewesen und hatte kaum mit mir gesprochen, außer um mir zu sagen, dass sein Flug am nächsten Morgen früh abging. Ich lag wach im Bett, als mein Handy vibrierte.
Die Nachricht kam von einer anonymen Nummer. Nur ein einziges Wort. „Schau. ”
Zwei Minuten später stand ich im Arbeitszimmer vor meinem Computer.
Ich hatte schon immer eine Schwäche für Akten und Ordner gehabt. Meine eigene Anwaltskanzlei war mein Stolz, aber aus Gewohnheit bewahrte ich auch Kopien fast aller wichtigen Dokumente zu Hause auf. Es gab einen versteckten Ordner auf meinem Rechner – einen, den ich vor Jahren eingerichtet hatte und seitdem vergessen hatte. Ich öffnete ihn und fand Zugriffsprotokolle.
Mein Herz raste. Auf den Servern meiner Kanzlei hatte ich ein Sicherheitssystem installiert, das jede Aktivität aufzeichnete. Und dort, in den Logs, standen Einträge, die ich nicht verstand. Jemand hatte versucht, auf meine privaten Konten zuzugreifen.
Jemand, der meine Passwörter kannte. Mein Blick fiel auf das Datum. Der gestrige Tag. Während ich im Garten gesessen hatte und während Alexander angeblich in einer Besprechung mit seinem Vater war.
Ich scrollte weiter. Ein zweiter Eintrag. Heute Morgen, kurz nachdem ich die Küche verlassen hatte. Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss.
Ich öffnete meine Finanzübersicht und fühlte, wie mein Magen sich zusammenzog. Eine Überweisung. Eine große Summe, verschoben auf ein Konto, das ich nicht kannte. Mein Handy vibrierte erneut.
Dieselbe anonyme Nummer. „Es ist erst der Anfang. ”
Ich saß die ganze Nacht wach. Am nächsten Morgen stand ich in der Einfahrt und winkte Alexander zum Abschied, während sein Wagen die Allee hinunterfuhr.
Er drehte sich noch einmal um, lächelte und formte mit den Lippen ein „Ich liebe dich”. Ich lächelte zurück. Sobald sein Auto hinter der Kurve verschwunden war, holte ich mein Handy heraus und rief meine Assistentin in der Kanzlei an. „Sophie, ich brauche eine Liste aller Konten auf meinen Namen.
Alle. Und ich will wissen, wer in den letzten zwei Wochen Zugriff darauf hatte. ”
Sophie schwieg einen Moment. „Das ist…
ungewöhnlich. ”
„Ich weiß. Tu es einfach. ”
Wenige Stunden später saß ich in meinem Büro.
Sophie hatte mir einen Bericht auf den Schreibtisch gelegt. Die Nachrichten, die ich bekam, waren Stück für Stück ein Puzzle. Ein ehemaliger Mandant von mir, ein Mann namens Schröder, hatte sich bei mir gemeldet. Er behauptete, Alexander habe ihn beauftragt, meine Unterschriften auf bestimmten Dokumenten zu fälschen.
„Welche Dokumente? “, fragte ich in den Hörer. „Die Übertragung Ihres persönlichen Vermögens”, antwortete er. Ich versuchte, die Fassung zu behalten.
„Lügen Sie nicht. ”
„Ich habe Aufnahmen von Gesprächen”, sagte Schröder. „Ich habe sie als Absicherung aufbewahrt. Ich wollte mich nie in so etwas hineinziehen lassen.
Aber Alexander drohte mir. ”
Ich stellte das Telefon weg, als meine Hände zitterten. Ich sah aus dem Fenster auf die Isar, die unten vorbeifloss. Die Welt sah so friedlich aus.
Dann klopfte es an meiner Tür. Sophie trat ein – mit einem Ordner voller Dokumente, die sie in der Kanzlei eines befreundeten Anwalts gefunden hatte. Sie hatte sie von einem Kurier bekommen, der sie „versehentlich” an die falsche Adresse geliefert hatte. Ich schlug den Ordner auf.
Da waren Unterlagen über Lebensversicherungen. Auf meinen Namen. Mit Alexander als Begünstigten. Und eine letzte Seite, die ich nie unterschrieben hatte.
Ich starrte auf das Blatt, bis die Buchstaben verschwammen. „Valerie? ” Sophie legte eine Hand auf meinen Arm. „Alles in Ordnung?
”
„Nie besser”, flüsterte ich. In dieser Nacht saß ich allein in meinem Arbeitszimmer und hörte mir die Tonaufnahmen an, die Schröder mir geschickt hatte. Alexanders Stimme, klar und deutlich: „Sie muss verschwinden. Sobald sie weg ist, bekomme ich die zehn Millionen.
Aber zuerst bringe ich alles auf meine Seite. ”
Die nächste Aufnahme. Eine andere Stimme, die ich sofort erkannte. „Ich werde dafür sorgen, dass alle denken, sie ist instabil”, sagte meine beste Freundin.
In einem Ton, den ich nie zuvor gehört hatte. Ich hielt den Atem an. „Niemand wird ihr glauben, wenn sie redet. Ich sorge dafür.
”
Meine beste Freundin. Die Frau, die gestern noch mit mir zu Mittag gegessen hatte. Die Frau, die ich mehr liebte als eine Schwester. Ich legte das Telefon auf den Tisch.
Meine Hände waren ruhig, obwohl mein Herz gegen meine Rippen hämmerte. Am nächsten Morgen rief ich meinen Anwalt an. Einen Spezialisten für Wirtschaftskriminalität, den ich einmal vor Gericht verteidigt hatte. „Ich brauche deine Hilfe”, sagte ich.
Er hörte zu. Am Ende fragte er nur eine Sache. „Was willst du tun? ”
Ich sah aus dem Fenster auf die Villa, die ich jahrelang mein Zuhause genannt hatte.
Auf das perfekte Leben, das so sorgfältig gebaut worden war. Auf das Grab, das sie mir zugedacht hatten. „Ich will kämpfen”, sagte ich.
Und ich begann zu planen.


