Der Fackelzug am Abend des 30. Januar 1933 war mehr als ein Spektakel. Es war die Inszenierung einer Kapitulation.
Während Hunderttausende SA-Männer durch das Brandenburger Tor marschierten und ihre Fackeln einen „Feuerstrom” bildeten, der das Herz Berlins traf, vollzog sich in der Reichskanzlei ein Machtwechsel, der die Welt für Jahrzehnte in Schutt und Asche legen sollte. Adolf Hitler, der Mann, der nie einen Hehl aus seinem Ziel gemacht hatte, die Demokratie zu zertrümmern, war zum Reichskanzler ernannt worden. Die Weimarer Republik, Deutschlands erste Demokratie, war am Ende.
Doch wie konnte es so weit kommen? Wie konnte eine Nation, die sich auf ihre Dichter und Denker so viel zugutehielt, einem Demagogen folgen, der offen Gewalt, Hass und die Abschaffung jeder Rechtsstaatlichkeit predigte? Die Antwort liegt in einer Kette von Versagen, Verblendung und aktiver Mithilfe, die weit vor diesem Januartag begann.
Die goldenen Zwanziger waren nur eine kurze Atempause. Nach dem Ersten Weltkrieg, der Demütigung von Versailles und der Hyperinflation von 1923 schien die Republik kurzzeitig Stabilität zu finden. Doch der Börsencrash von 1929 riss das fragile Fundament ein.
Millionen Menschen verloren ihre Arbeit, ihre Ersparnisse, ihre Hoffnung. Jeder dritte Erwerbsfähige war 1932 ohne Job. Das Elend auf den Straßen war unbeschreiblich, der Hunger in den Familien allgegenwärtig.
In dieser Notlage boten die Nationalsozialisten eine einfache, verführerische Lösung an: die Schuld bei anderen zu suchen – bei den Demokraten, bei den Juden, bei den Kommunisten – und einen Retter zu verheißen, der mit einem Schlag alles Böse beseitigen würde. Hitler inszenierte sich als Messias, als Erlöser, der das Volk aus der Krise führen würde. Und ein verzweifeltes Volk war bereit, an dieses Wunder zu glauben.
Die Harzburger Front im Oktober 1931 war der sichtbare Beweis für den Niedergang der Demokratie. Mehr als 10. 000 Rechtsextreme, Monarchisten und Demokratiefeinde versammelten sich, um die Abschaffung der Republik zu fordern.
Hitler und seine NSDAP waren dabei, aber auch der Medienzar Alfred Hugenberg, der mit seiner Pressegewalt die Stimmung gegen den Staat anheizte. Diese Allianz zeigte: Die Feinde der Demokratie waren nicht länger ein radikaler Rand, sondern eine laute, scheinbar mächtige Bewegung, die sich als die eigentliche Stimme des Volkes gerierte. Die Botschaft war klar: Die Demokratie ist ein Fehlschlag, sie ist das Problem, sie muss weg.
Die Republik schien bereits vor ihrem Ende zu stehen, noch bevor die entscheidenden Wahlen stattfanden.
Die Wirtschaftselite spielte eine fatale Rolle. Stahlbarone wie Emil Kirdorf und Großindustrielle wie Fritz Thyssen pumpten Millionen in die Kassen der NSDAP. Sie sahen in Hitler nicht den tobenden Antisemiten oder den Gewaltprediger, sondern den starken Mann, der die Gewerkschaften zerschlagen und die Ordnung wiederherstellen würde.
Am 26. Januar 1932 sprach Hitler vor dem Düsseldorfer Industrieclub. Er versicherte den Wirtschaftsführern, dass er nicht revolutionär agieren werde, dass er das Privateigentum schützen und die Linke vernichten wolle.
Es war ein Bündnisangebot, das die Industriellen nur zu gern annahmen. Sie lieferten das Geld, Hitler lieferte die Massen. Die Demokratie war ihnen lästig, die Republik verhasst.
Sie wollten einen autoritären Staat, der ihre Interessen durchsetzte – und sie glaubten, Hitler kontrollieren zu können.
Selbst die Monarchisten, die um den Thron der Hohenzollern trauerten, spielten mit dem Feuer. Kronprinz Wilhelm wollte bei der Reichspräsidentenwahl kandidieren, Hitler als Kanzler. Doch sein Vater, der exilierte Kaiser Wilhelm II.
, drohte mit Enterbung, falls er den Eid auf die Republik schwören würde. Der Kronprinz gehorchte. Stattdessen wurde der greise Feldmarschall Paul von Hindenburg überredet, erneut zu kandidieren.
Der 84-Jährige, ein Demokratieverächter durch und durch, wurde so zum letzten Bollwerk der Demokraten. Die SPD, die keine eigene Kandidatin aufstellte, rief ihre Wähler auf, ausgerechnet Hindenburg zu wählen, um Hitler zu verhindern. Eine paradoxe Situation: Die Republikaner stützten einen Mann, der die Republik verachtete, nur weil er der geringere Feind war.
Hindenburg gewann die Wahl im April 1932, doch der Schaden war immens. Hitler hatte sich als ernsthafte Alternative präsentiert, als Mann des Volkes, der gegen das Establishment kämpfte. Die NSDAP war längst eine Massenpartei, die mit modernster Propaganda arbeitete.
Joseph Goebbels, der Meister der Manipulation, setzte auf Flugzeuge, Tonfilme und Massenkundgebungen. Hitler flog von Stadt zu Stadt, überall erwarteten ihn Hunderttausende. Die Inszenierung war perfekt: Der Retter kommt aus der Luft, um das gequälte Volk zu erlösen.
Die anderen Parteien wirkten dagegen altbacken, zerstritten und ideenlos. Sie hatten keine Antwort auf die Krise, keine Vision für die Zukunft. Sie boten nur Verwaltung, während die Nazis Erlösung versprachen.
Die Linke war sich selbst der größte Feind. Die Kommunistische Partei, ferngesteuert aus Moskau, sah in der SPD den Hauptgegner, nicht in den Nazis. Stalin hatte den Kurs vorgegeben: Die Sozialdemokraten waren „Sozialfaschisten”, die bekämpft werden mussten.
Dieser Bruderkampf der Arbeiterparteien lähmte den Widerstand gegen Hitler. Als die Nazis und Kommunisten im November 1932 gemeinsam den Berliner Verkehr lahmlegten, zeigte sich die ganze Perversion dieser Strategie. Goebbels und der KPD-Funktionär Walter Ulbricht standen nebeneinander auf der Rednertribüne.
Die Kommunisten halfen, die Republik zu destabilisieren, und ebneten damit den Weg für die Diktatur, die sie selbst vernichten würde.
Hindenburg, der alte Feldmarschall, war nicht nur ein Symbol der Vergangenheit, sondern auch eine tragische Figur. Er hatte die Republik nie akzeptiert, sondern sie nur als Übergang geduldet. Nach seiner Wiederwahl wollte er einen konservativen Staat errichten, ohne Parteien, ohne Parlament.
Er ernannte Franz von Papen, einen katholischen Adligen, zum Kanzler, der mit einem „Kabinett der Barone” regierte, ohne demokratische Legitimation. Papen war ein Intrigant, der die Republik zerstören wollte, und er tat dies mit erschreckender Geschwindigkeit. Er hob das SA-Verbot auf, das Hindenburg nur Monate zuvor erlassen hatte, und ließ die Straßen wieder in Gewalt versinken.
Am 17. Juli 1932 eskalierte die Lage in Altona: 7. 000 SA-Männer marschierten durch das kommunistische Viertel, Schüsse fielen, 18 Menschen starben.
Papen nutzte das Blutbad als Vorwand, um die preußische Regierung unter SPD-Ministerpräsident Otto Braun abzusetzen. Der „Preußenschlag” war ein Staatsstreich, der die letzte Bastion der Demokratie schleifte. Preußen, das Rückgrat der Republik, wurde unter Reichsverwaltung gestellt.
Von nun an gab es keine starke demokratische Instanz mehr im Reich.
Die Wahlen vom Juli 1932 brachten der NSDAP 37,3 Prozent und machten sie zur stärksten Kraft im Reichstag. Doch Hitler war nicht zufrieden. Er wollte die ganze Macht, nicht nur Ministerposten.
Als Papen ihm vier Regierungsämter anbot, lehnte Hitler ab. Hindenburg, der den „böhmischen Gefreiten” verachtete, weigerte sich, Hitler zum Kanzler zu ernennen. Es folgte ein monatelanges Ringen hinter den Kulissen.
Hindenburg ließ Papen fallen und ernannte Kurt von Schleicher, einen General, der mit einer „Querfront” aus Gewerkschaften und abtrünnigen Nazis regieren wollte. Doch Schleicher scheiterte kläglich. Er konnte Gregor Strasser, Hitlers innerparteilichen Rivalen, nicht auf seine Seite ziehen.
Hitler war unerbittlich: Es gab nur einen Führer, und der hieß Adolf Hitler.
In dieser Sackgasse konspirierten Göring und Papen. Der ehemalige Kanzler, gedemütigt von seinem Sturz, wollte Rache an Schleicher. Er bot Hitler einen Deal an: Hitler als Kanzler, Papen als Vizekanzler, und die Konservativen würden die Nazis kontrollieren.
„Wir haben ihn uns engagiert”, sagte Papen später, als er vor Hitler gewarnt wurde. Eine Illusion mit verheerenden Folgen. Hindenburg, müde und zermürbt, ließ sich schließlich überreden.
Er war alt, er wollte eine Regierung der „nationalen Einigung”, und er glaubte, Hitler zähmen zu können. Am 30. Januar 1933 um 11 Uhr fuhr Hitler zum Haus des Reichspräsidenten, um seine Ernennung entgegenzunehmen.
Es dauerte nur wenige Minuten. Die Demokratie hatte kapituliert.
Die Reaktionen in der Bevölkerung waren gemischt. Viele jubelten, viele waren verunsichert, viele glaubten, dass sich das bald erledigt haben würde. Doch es gab auch warnende Stimmen.
Die Journalistin Bella Fromm notierte: „Ein Meer von Braun, eine Nacht des Schreckens, ein Ungeheuer in Gestalt von 20. 000 Fackeln.” Der Schriftsteller Klaus Mann schrieb: „Eine Nation, die sich sonst viel auf ihre Dichter und Denker zugute getan hatte, akzeptierte eine Wanze als Mann des Schicksals.
Die Deutschen, ich verstand sie nicht.” Diese Worte sollten sich als prophetisch erweisen. Wenige Wochen später brannte der Reichstag, das Ermächtigungsgesetz wurde verabschiedet, die ersten Konzentrationslager entstanden.
Die Diktatur war vollendet, und der Weg in den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust war geebnet.
Die Frage nach der Schuld ist komplex. Es war nicht nur Hitler, der die Demokratie zerstörte. Es waren die Industriellen, die ihn finanzierten, die Generäle, die ihn tolerierten, die Beamten, die ihn unterstützten, und die Millionen Wähler, die ihn wählten.
Es war die Zerrissenheit der Linken, die Kurzsichtigkeit der Konservativen und die Verzweiflung eines Volkes, das in einer Krise nach einfachen Lösungen suchte. Die Weimarer Republik hatte viele Feinde, aber zu wenige Verteidiger. Die Demokratie war jung, unerfahren und ungeliebt.
Sie wurde nicht von außen besiegt, sondern von innen ausgehöhlt. Und als sie fiel, war der Absturz in die Barbarei unvermeidlich. Die Geschichte lehrt uns, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist.
Sie muss verteidigt werden, jeden Tag, von jedem Einzelnen. Die Deutschen von 1933 haben diese Lektion auf die grausamste Weise gelernt. Wir dürfen sie nie vergessen.


