Die Normandie war befreit, Paris lag hinter ihnen, und die amerikanischen Panzerkolonnen rollten unaufhaltsam Richtung Osten, als ein einzelner Sherman-Panzer mit dem Namen “In the Mood” zur Legende wurde. Feldwebel Lafayette G. Pool, ein ehemaliger Bauernjunge aus dem ländlichen Texas, führte seine Männer mit einer Mischung aus eiserner Disziplin und beinahe übernatürlichem Gespür für den Kampf durch die blutigen Gefilde Frankreichs und Belgiens.
Während die Welt den deutschen Panzerassen wie Michael Wittmann oder Otto Carius huldigte, schrieb dieser unerschrockene Unteroffizier der 3. Panzerdivision eine noch beeindruckendere Erfolgsgeschichte, die in der Militärgeschichte ihresgleichen sucht und bis heute als Maßstab für Panzerkommandanten gilt.
Seine Bilanz liest sich wie ein Fiebertraum: Innerhalb von nur 81 Tagen ununterbrochener Kampfhandlungen zerstörte Pool mit seiner Besatzung nachweislich 258 feindliche gepanzerte Fahrzeuge. Diese Zahl umfasst nicht nur die gefürchteten Panther- und Panzer-IV-Kampfpanzer, sondern auch eine Vielzahl von Sturmgeschützen, Jagdpanzern, Selbstfahrlafetten und Halbkettenfahrzeugen, die das Rückgrat der deutschen Verteidigung bildeten. Hinzu kamen die Vernichtung von mindestens einem Dutzend gezogener Panzerabwehrkanonen, der Tod von über tausend deutschen Soldaten und die Gefangennahme von 250 weiteren.
Diese schier unglaubliche Leistung gelang einem Mann, der ursprünglich nicht einmal für den Militärdienst tauglich schien, denn seine Bewerbung bei der Marine war wegen einer alten Augenverletzung abgelehnt worden.
Der Weg an die Front begann unspektakulär auf einer Farm in Odom, Texas, wo Pool am 23. Juli 1919 als Sohn einfacher Landleute zur Welt kam. Nach seinem Highschool-Abschluss im Jahr 1938 und der Ablehnung durch die Marine wurde er schließlich am 13.
Juni 1941 zur Armee eingezogen, wo er seine Grundausbildung in San Antonio absolvierte. Die neu aufgestellte 3. Panzerdivision, die den stolzen Spitznamen “Spearhead” trug, wurde sein Zuhause, und im Januar 1942 wurde er dem 32.
Panzerregiment zugeteilt. Zunächst als Mechaniker ausgebildet, wechselte er schnell in die Besatzung eines Panzers, wo seine außergewöhnliche Begabung für Führung und Taktik schnell erkannt wurde. Seine Vorgesetzten boten ihm sogar die Offizierslaufbahn an, doch Pool lehnte ab – er wollte kein Leutnant sein, er wollte der beste Panzerkommandant der Division werden.
Sein Führungsstil war legendär und forderte von seinen Männern das absolute Maximum. Er duldete keine schlampige Wartung, kein ungenaues Schießen und kein riskantes Fahren, denn er wusste, dass im modernen Krieg jede Nachlässigkeit den Tod bedeuten konnte. Sein Motto lautete, die Aufgabe gleich beim ersten Mal richtig zu erledigen, denn eine zweite Chance gab es auf dem Schlachtfeld selten.
Dieses unerbittliche Training zahlte sich aus, als die Division nach der Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 in den Kampf geworfen wurde. Bereits am 29.
Juni 1944, beim ersten großen Gefecht nordöstlich von Saint-Lô, zeigte sich, wie dünn der Grat zwischen Leben und Tod war, als sein erster Panzer “In the Mood” von einer Panzerfaust getroffen wurde.
Der Treffer setzte den Sherman außer Gefecht, doch Pool und seine Besatzung überlebten wie durch ein Wunder. Ohne zu zögern besorgten sie sich einen Ersatzpanzer, den sie ebenfalls auf den Namen “In the Mood” tauften, und kehrten in den Kampf zurück. Dieser zweite Panzer war mit der längeren und leistungsstärkeren 76-mm-Kanone ausgestattet, die deutlich besser in der Lage war, die Seitenpanzerung der deutschen Panther und Tiger zu durchschlagen.
Pool nutzte diese Schwachstelle gnadenlos aus, indem er seine taktische Überlegenheit einsetzte, um die feindlichen Panzer stets von der Flanke zu fassen. Die 76-mm-Kanone konnte die Seitenpanzerung eines Panthers aus einer Entfernung von fast 2000 Yards durchschlagen, eine Fähigkeit, die in den offenen Gefilden Frankreichs oft über Sieg oder Niederlage entschied.
Der Vormarsch der 3. Panzerdivision war ein einziger Gewaltmarsch, und Pool befand sich fast immer an der Spitze der Kolonne. Am 7.
August 1944, während der entscheidenden Schlacht um den Kessel von Falaise, griffen er und seine Männer fliehende deutsche Verbände an und fügten ihnen verheerende Verluste zu. Doch das Glück der Besatzung schien unerschöpflich, denn nur wenige Tage später wurde ihr zweiter Panzer erneut zerstört – diesmal nicht durch den Feind, sondern durch eigene Jagdbomber vom Typ P-38 Lightning, die die Amerikaner fälschlicherweise für Deutsche hielten. Pool und seine Crew überlebten den freundlichen Beschuss und stiegen in ihren dritten Panzer, der wiederum “In the Mood” genannt wurde und erneut mit der effektiven 76-mm-Kanone ausgerüstet war.
In der Schlacht bei Colombier geriet Pool beinahe frontal mit einem Panther zusammen, der zwei Schüsse abfeuerte, die jedoch beide ihr Ziel verfehlten. Sein Richtschütze Euler zögerte nicht und feuerte einen einzigen präzisen Schuss ab, der den Turm des Panthers durchschlug und eine interne Explosion auslöste, die den Turm komplett vom Rumpf riss. Solche Aktionen waren keine Glücksfälle, sondern das Ergebnis perfekter Abstimmung und eines Kommandanten, der stets den Überblick behielt.
In Namur, einer Stadt an der Maas, zerstörte die Besatzung an einem einzigen Tag 16 feindliche Fahrzeuge, darunter Sturmgeschütze und Selbstfahrlafetten, und bewies damit ihre schier endlose Feuerkraft und taktische Brillanz.
Pool war bekannt für seine Vorliebe, oben auf dem Panzer zu sitzen oder zumindest den Kopf aus der Kommandantenluke zu strecken, obwohl dies ein erhöhtes Risiko darstellte. Er litt unter Klaustrophobie, doch viel wichtiger war, dass er nur so das Schlachtfeld vollständig überblicken konnte. Diese Praxis, die von vielen guten Panzerkommandanten übernommen wurde, ermöglichte es ihm, Bedrohungen oft Sekunden früher zu erkennen als seine Gegner.
Sein sechster Sinn für die Bewegungen des Feindes und seine Fähigkeit, die Schwachstellen der deutschen Panzerung zu identifizieren, machten ihn zu einem Albtraum für jede deutsche Einheit, die ihm gegenüberstand. Die Männer seiner Kompanie vertrauten ihm blind, denn er führte nie von hinten, sondern war immer dort, wo die Gefahr am größten war.
Doch am 19. September 1944, in der Stadt Münsterbusch südlich von Aachen, endete Pools beispiellose Erfolgsserie. Die Besatzung stand kurz vor der Rückkehr in die USA für eine Werbetour für Kriegsanleihen, doch das Schicksal hatte andere Pläne.
Sein Panzer war als Flankenschutz eingesetzt, als er eine große Panzerabwehrkanone entdeckte, die in einem Haus versteckt war. In diesem kritischen Moment versagte der neue Ladeschütze, der den regulären Ladeschützen vertrat, und blockierte die Kanone mit einer Granate im Verschluss. Als Pool versuchte, den Rückzug zu befehlen, traf die erste Granate den Turm und schleuderte ihn vom Panzer auf den Boden.
Sein rechtes Bein war zerschmettert, und in einem Akt verzweifelter Entschlossenheit spritzte er sich selbst Morphium und versuchte, sein Bein mit einem Taschenmesser zu amputieren.
Der Kommandeur der Einsatzgruppe, Oberstleutnant Walter Richardson, beobachtete das Drama und eilte sofort zu dem verwundeten Feldwebel, um ihm weitere Morphiumspritzen zu verabreichen. Sanitäter übernahmen kurz darauf die Erstversorgung, doch das Bein war nicht mehr zu retten und musste amputiert werden. Pools Kampf war vorbei, und er wurde im Juni 1946 aus dem Dienst entlassen, nachdem er 22 Monate in der Rehabilitation verbracht hatte.
Doch der gebrochene Panzerkommandant gab nicht auf. Nach seiner Genesung eröffnete er eine Tankstelle und Werkstatt in seiner Heimatstadt, gründete mehrere Unternehmen und trat schließlich wieder in die Armee ein, wo er dem Transportkorps beitrat. Auf persönliche Intervention von General Roderick Allen kehrte er 1948 zur 3.
Panzerdivision zurück, wo er sein Wissen als Ausbilder für Kfz-Mechanik weitergab.
Lafayette G. Pool, der am 30. Mai 1991 verstarb, hinterließ ein Vermächtnis, das weit über die bloße Zahl seiner Abschüsse hinausgeht.
Er verkörperte den Geist der amerikanischen Panzertruppe, die trotz technischer Unterlegenheit ihrer Fahrzeuge durch Mut, Ausbildung und taktische Überlegenheit den Krieg gewann. Seine Geschichte ist eine Erinnerung daran, dass Helden nicht nur in den Reihen der oft glorifizierten deutschen Verbände zu finden sind, sondern auch in den Staubwolken der Sherman-Panzer, die Europa befreiten. Seine unerschütterliche Überzeugung, dass harte Arbeit und Disziplin der Schlüssel zum Erfolg sind, macht ihn bis heute zu einem Vorbild für Generationen von Soldaten.
